Interessen

Meine Interessen liegen in den fachlichen Übergängen, den Beiträgen der einen Disziplin zur anderen. Das gilt sowohl im Hinblick auf den Dialog von Natur- und Geisteswissenschaften, wie auch jenen der modernen Sozial- und Altertumswissenschaften.

Geochemische Analysen zur Gruppierung und Herkunftsbestimmung römischer Amphoren

Im Rahmen meiner Arbeiten an römischen Amphoren in den germanischen Provinzen habe ich selbst geochemisch gearbeitet und eigenständig viele hunderte Proben für wellenlängendispersive Röntgenfluoreszenzanalysen, Elektronenstrahlmikroanalysen und induktiv gekoppelte Plasma-Massenspektrometrie präpariert, gemessen und ausgewertet. Die Arbeiten haben mich in hohem Maße für das Verhältnis zwischen dem notwendigen zeitlichen Aufwand, den Ergebnissen und ihrer Interpretation sowie für die Notwendigkeit einer klar definierten historischen Fragestellung bei der Anwendung naturwissenschaftlicher Verfahren sensibilisiert.

Amphoren: Umgang mit Müll und Pinselaufschriften

Während meiner Tätigkeit in der Archäologischen Denkmalpflege Mainz bin ich früh mit den am Ort gefundenen, bis dahin unbearbeiteten römischen Amphoren in Kontakt gekommen. Besonders interessiert haben mich die in großer Zahl vollständig erhaltenen Exemplare und die zahlreichen Stücke mit Resten von Pinselaufschriften. Beide Aspekte beschäftigen mich bis heute: Die Frage, wie man mit großen Mengen Müll umging, habe ich in meiner Habilitationsschrift anhand der stark fragmentierten, vielfach aber aneinander anpassenden Amphorenfunde aus dem Militärlager Dangstetten erörtert. Die gemeinsame Deponierung offensichtlich gerade leer gewordener und noch vollständiger Behälter, die womöglich sogar einer einzigen Schiffslieferung entstammen, ist in jüngst aufgedeckten Mainzer Befunden zu erkennen. Hier hat der Müll die spezifische, im Mittelmeerraum gut bezeugte Funktion, Gelände für Baumaßnahmen vorzubereiten, einzuebnen und trockenzulegen. Die enge Zusammengehörigkeit der für diese Maßnahmen verwendeten Amphoren erweisen nicht zuletzt die auf ihnen erhaltenen Pinselaufschriften.

Zwei Amphoren vom sog. Dimesser Ort in Mainz mit identischen Aufschriften (Foto: U. Ehmig)
Tituli picti als Bindeglied der Disziplinen

Vielfach habe ich in den vergangenen Jahren Neufunde von Amphoren und anderen keramischen Behältern mit Tituli ediert: neben prominenten Stücken wie jenen, die Statthalter von Obergermanien und Raetien nennen, v.a. das umfangreiche und zeitlich geschlossene Inventar aus der Stadtbahngrabung am Kurt-Hackenberg-Platz in Köln. Von der Entdeckung neuer, erstmals in Tituli genannter Produkte, die mithilfe antiker literarischer Quellen in ihrer Provenienz, Qualität und Verwendung näher spezifiziert werden können, abgesehen, habe ich zuletzt insbesondere die Frage der Funktion der Aufschriften im Kontext der rechtlichen Absicherungen beim Seetransport der Amphoren erörtert.

Albanien und Augsburg

Neben der Edition von Kleininschriften war ich an der Vorlage der monumentalen, öffentlichen epigraphischen Zeugnisse aus dem antiken Albanien beteiligt. Aktuell bearbeite ich im Auftrag der Stadtarchäologie Augsburg gemeinsam mit Rudolf Haensch die Inschriften von Augusta Vindelicorum.

Soziale Interaktion mittels Inschriften

Ich verstehe Inschriften als Medium sozialer Interaktion, deren Formulierungen bewusst gewählt wurden. Vor diesem Hintergrund interessieren mich insbesondere die seriellen, vermeintlich gleichartigen Zeugnisse, die qualitative und quantitative Analysen auch aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Fragestellungen und Erkenntnisse erlauben. Abgesehen von Phänomenen wie Überassimilierung oder der spezifischen Charakterisierung von Lebensverhältnissen innerhalb bestimmter Personengruppen lassen sich v.a. die Mechanismen der für moderne Medien typischen Nachrichtenauswahl in den berichteten Inhalten der Inschriften finden. Auch die wiederholt gestellte Frage nach der Repräsentativität von Inschriften lässt sich im Rückgriff auf etablierte statistische Ergebnisse begründeter beantworten als bisher.

Soziale Interaktion kommt bei Inschriften m.E. insbesondere dann zum Ausdruck, wenn sie räumlich miteinander in Bezug stehen, seien es zwei oder mehr Zeugnisse auf einem Artefakt, oder mehrere beschriftete Stücke, die einen funktionalen Befund definieren. Mich interessiert, inwiefern sich das bloße Nebeneinander von Inschriften bzw. ihre möglichen Verknüpfungen mittels soziologischer Modelle von Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung im Sinne einer Soziologie von Inschriften beschreiben lassen.

Risikoforschung zur Antike

Ebenfalls angeregt durch moderne Untersuchungen beschäftigte ich mich seit einigen Jahren damit, was Menschen in der Antike als Risiken wahrnahmen und wie sie mit solchen Situationen und Sachverhalten umgingen. Risikoanalyse und Risikomanagement durchziehen heute alle Lebensbereiche. Entsprechend adaptierte Fragestellungen erachte ich als geeignetes Instrumentarium, vermeintlich bekannte Phänomene verschiedenster antiker Alltagszusammenhänge aus neuer Perspektive zu betrachten und den Mentalitäten antiker Menschen auf unterschiedlichen (Risiko-)Ebenen näher zu kommen.

Ich verstehe eine Risikoforschung zur Antike interdisziplinär. Bisher habe ich mich v.a. mit den Aussagemöglichkeiten der Inschriften beschäftigt, und nochmals enger auf eine Risikobewältigung mithilfe der Götter fokussiert. Votivinschriften, das epigraphisch fixierte Gelöbnis, einer höheren Macht eine Gabe darzubringen, wenn diese zuvor hilfreich tätig wird, ist eine antik wie modern geübte Praxis, mit spezifischen Risiken umzugehen. Mich interessieren – diachron – die Beweggründe und, aus epigraphischer wie archäologischer Sicht, die Äquivalente, die Rück-Gaben für die empfangene göttliche Hilfe.

Die Kommunikation der Menschen mit übergeordneten Mächten – antik und modern

Ausgehend von den Votivinschriften interessiert mich, wie antike Menschen mit übergeordneten Mächten kommunizierten. Die unterschiedlichen Dedikationsformulare in den religiösen Inschriften sind nach meinem Dafürhalten nicht austauschbar, sondern charakteristisch für bestimmte Zeiten, Regionen, Personen und Anlässe. Entsprechende Beobachtungen, die Unterschiede und Spezifika in der textlichen wie materialen Kommunikation mit höheren Mächten, verfolge ich latent auch an modernen Wallfahrtsorten. Mich interessieren die unterschiedlichen Ausprägungen und Entwicklungen sog. Volksfrömmigkeit. Bisher habe ich über 100 entsprechende Plätze in Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, der Schweiz, Italien und Frankreich besucht.

Nicht selten liegen die Orte in Landschaften, die meiner größten persönlichen Leidenschaft, den Bergen, entgegenkommen.

ND de la Salette, 13.5.2015 (Foto: U. Ehmig)